Herbstzeitlose – Herbst - zeitlos – Herbstzeit-los!
Dieser Blogbeitrag hätte eigentlich von etwas ganz anderem handeln sollen. Nämlich von Patrizia und davon, wie sie unsere violetten Kartoffeln erntet. Aber die Kartoffeln und Patrizia müssen warten.
Denn ausgerechnet am Erntetag sind sie mir begegnet, die ersten Herbstzeitlosen des Jahres. Und das ist für mich jedes Jahr ein besonderer Moment. Ich freue mich einerseits über diese zarten, violetten Blüten, aber andererseits stimmt ihr Anblick mich immer auch ein wenig wehmütig. Denn, wenn die Herbstzeitlosen blühen, ist die Botschaft ziemlich eindeutig: Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Dabei ist das eigentlich kein Grund, traurig zu sein, zumindest nicht für mich. Ich liebe den Herbst. Ich liebe auch den Winter. Und den Frühling sowieso. Und den Sommer erst recht. Kurz gesagt: Ich liebe das Leben mit seinen Jahreszeiten.
Warum also jedes Jahr diese Wehmut, wenn ich die ersten Herbstzeitlosen entdecke?
Vielleicht liegt es an ihrem Namen.
Herbstzeitlose.
Was für ein Wort!
Je länger ich es anschaue, desto weniger sehe ich nur eine Blume.
Herbst-zeitlos.
Oder:
Herbstzeit … los!
Oder vielleicht sogar:
Herbst. Zeit. Los.
Plötzlich steckt in diesem einen Pflanzennamen mein ganzes momentanes Leben. Denn was ist der Herbst anderes als die grosse Zeit des Loslassens? Die Bäume lassen ihre Blätter los. Die Natur zieht sich zurück. Etwas geht zu Ende, damit irgendwann wieder etwas Neues beginnen kann.
Und bei mir geht es in diesem Herbst ums Loslassen im ganz grossen Stil:
Ich lasse das Heimeli los.
Wobei… Herbst? Wir haben doch erst August!
Aber offenbar hält sich das Leben nicht immer so genau an den Kalender. Und übrigens tut es die Herbstzeitlose auch nicht. Sie kann tatsächlich auch bereits im August blühen, zumindest in diesem Jahr. Vielleicht weiss sie einfach früher als wir, wann es Zeit wird.
Und tatsächlich rückt auch bei mir das Neue bereits näher.
Heute kommt eine Nachricht von Nora, unserer neuen Gastgeberin im Heimeli. Wir werden uns nächste Woche zusammensetzen und all die grossen und kleinen Übergabethemen besprechen. Dann fragt mich, ebenfalls heute, Vanessa, ob sie Nora bereits für die Einsätze in der Personalplanung für den Oktober eintragen könne.
Oktober.
Nora.
Personalplanung.
Übergabe.
Da steht es plötzlich ziemlich deutlich vor mir: Nora kommt.
Und ich freue mich riesig darauf. Wirklich. Ich freue mich, dass sie bald im Heimeli sein und mit ihren eigenen Ideen, ihrer Persönlichkeit und ihrer Energie durchstarten wird.
Aber damit Nora durchstarten kann, muss ich etwas anderes tun.
Loslassen.
Herbstzeit … los!
Und schon bekommt das «los» noch eine weitere Bedeutung.
Denn los heisst ja nicht nur loslassen.
Los heisst auch: Losgehen.
Aufbrechen. Anfangen. Sich auf den Weg machen.
Und genau das passiert gerade auch mit mir.
Am 24. August werde ich 65 und bin damit ganz offiziell pensioniert. Da hilft es auch nichts, wenn ich weiterhin hartnäckig verkünde, dass ich mich höchstens wie 40 fühle. Auf dem Papier steht dann 65.
Man sagt, mit 65 sei man im «Herbst des Lebens» angekommen.
Aha.
Das klingt zwar schön poetisch, aber so richtig will es nicht zu meinem Lebensgefühl passen.
Herbst des Lebens?
Ich?
Ich fühle mich gerade eher zeitlos.
Oder vielleicht sogar: herbstzeitlos.
Denn wenn das hier mein Lebensherbst sein soll, dann ist es ein ziemlich frühlingshafter Herbst.
Eigentlich fühlt es sich viel mehr nach einem zweiten Frühling an. Nicht in Sachen Partnerschaft, dort habe ich zum Glück Dauerfrühling. Nein, ich meine mein eigenes Leben.
Noch einmal stehe ich an einem Anfang.
Nach bald 10 Jahren Heimeli beginnt etwas Neues. Und vielleicht muss ich tatsächlich an diesem neuen Start stehen, damit Nora im Heimeli richtig durchstarten kann. Für einen kurzer Augenblick schleichen sich Zweifel in meine Gedanken. Es ist viel, das ich loslassen muss, doch ebenso viel, das Nora dann übernehmen muss. Das heisst, eigentlich stimmt das zum Glück nicht ganz. Vanessa ist ja auch noch da, und Vanessa kennt das Heimeli inn- und auswendig. Zum Glück. Und dank Vanessa konnte ich schon während der letzten Wochen lernen schrittweise loszulassen, denn sie hat immer mehr übernommen und sie hat mir gezeigt, dass es auch wunderbar ohne mich geht. Bin ich tatsächlich so eingebildet zu denken, ohne mich könnte das Heimeli nicht weiter existieren?
Und, weil Vanessa ja auch noch da ist und sich um ganz viel kümmert, muss ich mir auch keine Sorgen ums Heimeli machen. Ich kann einfach loslassen, und alles wird gut weiterlaufen. Danke Vanessa.
Während ich diese Zeilen schreibe, bleiben meine Finger immer wieder über der Tastatur meines MacBooks im Schwebezustand, das wird auch der Leser merken, denn meine Gedanken schweifen ab, immer wieder. Vielleicht würde ich doch besser über die Kartoffeln schreiben. «Stell dich nicht so an!» ermahne ich mich. «bleib bei der Sache…!» also, zurück: Zum Heimeli. Zu Nora. Zu den kommenden Wochen. Zu all den Dingen, die noch übergeben, erklärt, aufgeschrieben, sortiert und irgendwann eben auch losgelassen werden müssen.
Und zu der Frage, was danach kommt.
Herbstzeit los.
Loslassen.
Losgehen.
Zeit haben.
Vielleicht sogar ein bisschen die Zeit vergessen.
Zeitlos sein?
Nein, wirklich zeitlos bin ich natürlich nicht. Niemand von uns ist das.
Aber während ich darüber nachdenke, fällt mir etwas auf:
Das Zeitloseste in meinem Leben ist vielleicht ausgerechnet das, was ich jetzt loslassen muss.
Das Heimeli.
Das Heimeli war schon da, lange bevor ich kam. Ich durfte während mehr als 9 Jahren ein Stück seiner Geschichte mitschreiben. Ich durfte es prägen, und es hat mindestens genauso sehr mich geprägt.
Nun sind andere am Zug. Peter, Urs und nun eben auch Nora. Sie schreiben die Geschichte weiter.
Und später werden wieder andere kommen.
Menschen kommen, Menschen gehen. Jahreszeiten kommen, Jahreszeiten gehen. Geschichten beginnen und enden, und aus einem Ende entsteht wieder ein Anfang.
Das Heimeli bleibt.
Nicht unverändert. Hoffentlich nicht! Denn lebendig bleibt nur, was sich verändern darf.
Aber in seinem Wesen bleibt es Heimeli.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis, die mir die ersten Herbstzeitlosen dieses Jahres beschert haben:
Loslassen bedeutet nicht, dass etwas verloren geht.
Manchmal bedeutet Loslassen einfach, etwas freizugeben, damit seine Geschichte weitergehen kann.
Und vielleicht ist der Herbst deshalb gar nicht nur die Jahreszeit des Abschieds.
Vielleicht ist er auch die Jahreszeit des Aufbruchs.
Herbst. Zeit. Los.
Also gut.
Los!
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