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Webcamsucht oder bin ich vielleicht ein Kontrollfreak?

Ich benutze den Zugriff auf unsere Webcam, selten so oft wie in der Zwischensaison, wenn das Heimeli geschlossen ist. (Wohlgemerkt: nur wir vom Heimeli haben Zugriff, natürlich auch Rochus, unser IT-ler, und ein paar wenige Insider, also keine Angst es ist keine öffentliche Kamera).

Bin ich jetzt ein Kontrollfreak? Nur weil ich wissen will, wie es dem Heimeli geht, wenn keiner oben ist? Wenn es ganz verlassen und ohne Betreuung ausharren muss, bis die Bergfrühlingssaison endlich startet? Will ich einfach sicher sein, dass es noch steht? Oder hoffe ich insgeheim, dass sich doch jemand hinauf verirrt, vielleicht aus purer Sehnsucht, auch wenn alles geschlossen ist?

Gestern war wieder so ein Tag. Ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Ich sitze zu Hause im Garten, trage Reservationen ins System ein, nehme Buchungen entgegen, und werfe zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Webcam.

Nichts.

Die Kamera macht etwa alle sechs Minuten ein neues Bild. Auch nach acht Minuten: nichts. Nach sechzehn: immer noch nichts. Dabei wäre es perfektes Skitourenwetter. Ist denn da oben wirklich niemand unterwegs? Die Verhältnisse sind jetzt sicher traumhaft.

Natürlich, vielleicht ist gerade jemand genau zwischen zwei Aufnahmen vorbeigelaufen. Unser Netz dort oben ist nicht gut genug, um durchgehend zu filmen. Zum Glück. Sonst würde ich vermutlich ununterbrochen auf den Bildschirm starren und darauf warten, dass sich etwas bewegt.

Und wenn ich tatsächlich jemanden entdecken würde? Was dann? Das Heimeli ist geschlossen. Es gibt nichts zu trinken – ausser am Brunnen. Und das bei diesem herrlichen Terrassenwetter. Ich zoome ins Bild, suche die Terrasse ab. Vielleicht sitzt ja doch jemand da, geniesst die Sonne und die Aussicht. Nichts.

Ich versuche, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Zehn Minuten lang gelingt es mir. Dann wieder ein schneller Blick. Wie besessen ist das denn? Was mache ich da eigentlich?

Genug.

Ich klappe den Laptop zu, gehe ins Haus, hole mir einen Espresso und setze mich wieder nach draussen. Da vibriert mein Handy, eine WhatsApp. Ich schaue kurz drauf… und wenn ich es schon in der Hand habe, werfe ich natürlich noch einen schnellen Blick auf die Kamera.

Jetzt reicht’s wirklich. Ich fasse einen Entschluss: Morgen gehe ich ins Heimeli, offensichtlich zieht es mich hinauf, sonst könnte ich das mit der Kamera ja auch bleiben lassen. Zudem haben wir auch morgen noch traumhaftes Skitourenwetter, also, kann ich ins Heimeli und schauen, ob alles in Ordnung ist und das dann erst noch mit einer Skitour verbinden. Morgen früh werde ich den ersten Zug nach Langwies nehmen. Um 5 Uhr aufstehen macht mir nichts aus, Hauptsache ich bekomme meine Skitour und ein bisschen Heimeli.

Und jetzt sitze ich im Zug, und schreibe. Es ist noch finster, aber die Sterne verraten mir, dass ein Traumtag auf mich wartet. Es ist 6:14 Uhr, irgendwo zwischen Chur und Langwies.

Ob es im Heimeli auch noch dunkel ist? Ich werfe einen Blick auf die Kamera – und staune. Oben ist es schon deutlich heller als hier unten im Tal. (Gut, wir haben auch eine ziemlich lichtstarke Kamera.) Alles wirkt ruhig, und verlassen… aber nicht mehr lange. Ich freue mich auf den Tag im Sapün.

Der Zug fährt in Langwies ein, ich steige aus und habe das Glück, dass ausgerechnet Rochus, unser Webcam-verantwortlicher, ebenfalls zu so früher Stunde auf dem Weg zur Arbeit ist, und mich bis zum Parkplatz, von wo ich dann den Quad nehmen kann, mitnimmt.

Heimeli – ich komme.

Und diesmal erlebe ich dich live. Echt. Ganz ohne Kamera.

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