Das Heimeli meldet sich zu Wort...
Ich bin gespannt, was jetzt passiert… wird es ähnlich sein wie damals? Vor neun Jahren? Es war ein nebliger, trüber Tag und jemand streifte um mich herum. Also eigentlich um mein Haus. Es wurde nach dem Schlüssel gesucht, man fand ihn dort, wo er sein sollte, öffnete die Tür und trat ein. Es waren René und Gabriella. Meine neuen Eigentümer. Sie hatten mich gekauft. Tatsächlich.
Wie das wohl werden würde, fragte ich mich damals.
Sie schlichen durch meine Räume, öffneten jede Tür, spähten in Schubladen, in die vielen Tiefkühler, die überall verteilt waren. Sie versuchten sich an der Kaffeemaschine, erkundeten jeden Winkel, jede Nische, jede Ecke. Motiviert, begeistert, freudig, voller Ideen aber auch mit einer Portion Sorge und ganz viel Respekt.
Ich hörte sie sagen:
„Das alles gehört jetzt uns… und nun, wie weiter? Ohne Ahnung von Gastronomie?“
Und wenn ich ehrlich bin: Ja, ich war damals stellenweise etwas verkommen. Unter dem Dach, in den Kellern, in den Anbauten ganz zu schweigen von Küche und Toiletten… da musste ich mich schon ein wenig schämen. Natürlich gab es auch viel Schönes. Meine antiken Möbel, die gemütlichen Gaststuben, die Zimmer. Oli hatte mich wirklich herausgeputzt. Aber eben: Vieles war auch ziemlich desolat.
Am liebsten würde ich gar nicht daran zurückdenken.
Aber es gehört zu meiner Geschichte. Und wie hätten sich René und Gabriella verwirklichen können, wenn schon alles perfekt gewesen wäre?
Heute, 9 Jahre später, ich stehe immer noch hier, eigentlich genau wie damals. Ein bisschen verträumt, ein bisschen verlassen, ein bisschen einsam, wie immer in der Zwischensaison. Die wohl unschönste Zeit des Jahres. Und ich warte. Noch eine Woche, dann werden Peter und Urs meine neuen Eigentümer sein. Sie werden sich um mein Wohl kümmern.
Ob sie auch nach dem Schlüssel suchen müssen? Ob sie auch so durch mich hindurchstreifen werden? Jede Ecke erkunden? Schätze entdecken, Raritäten, die in den letzten neun Jahren bei mir ein Zuhause gefunden haben bestaunen? Ob sie auch ein wenig an mir herumnörgeln werden, weil ich eben nicht perfekt bin? Dreihundert Jahre hinterlassen Spuren. Ich ächze manchmal, der Wind pfeift durch meine Ritzen, und mein Alter zeigt sich hier und da ganz unverblümt. Aber am meisten gespannt bin ich auf eines: Wie sie mit meiner Kaffeemaschine umgehen werden. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich heute noch schmunzeln…
René und Gabriella standen damals davor, als wäre sie ein Weltwunder. Sie machten eine riesige Sache daraus, den ersten eigenen Kaffee zuzubereiten: Bohnen mahlen, den Siebträger einsetzen, Taste drücken… und dann staunten sie, als die schaumige Flüssigkeit in die kleinen Tassen floss, wirklich so etwas Banales brachte die beiden zum Staunen. Sie setzten sich an Tisch 4, strahlten sich an, als hätten sie eine Meisterprüfung bestanden. Aber auch als hätten sie ein schlechtes Gewissen: „Können wir jetzt einfach Kaffee herauslassen?“
„Ja, können wir… die Maschine gehört ja jetzt auch zum Heimeli.“
Dann ging ihre Entdeckungstour weiter. Staunen hier, Lachen da, und immer ging es um mich.
Ich wusste damals: Mit diesen beiden werde ich mich anfreunden. Und ich hatte recht.
Und jetzt? Jetzt warte ich wieder.
Ich frage mich, ob die Neuen auch so durch mich schleichen werden. Ob sie meine Kaffeemaschine ausprobieren, als wäre sie ein Wunder. Oder ob sie vielleicht lieber eine Flasche Wein aus meinem Keller holen und auf mich anstossen…Denn ja, auch auf meinen Weinkeller bin ich heute ziemlich stolz. Fast so stolz wie damals auf meine Kaffeemaschine.
René und Gabriella verreisen für ein paar Tage mit dem Camper nach Sardinien. Fast so, als wollten sie nicht dabei sein, wenn jemand anderes meine Tür aufschliesst. Neue Eigentümer. Neugierig, gespannt, vielleicht kritisch.
Und ich? Ich bin einfach neugierig. Gespannt. Vielleicht ein kleines bisschen kritisch.
Aber vor allem: voller Vorfreude.
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