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Vor 87 Jahren Alpentladung in Sapün... und heute

September - Zeit für den Alpabzug: immer schwingt ein Hauch von Wehmut mit, und 1939 auch Trauer und Angst. Agnes Engel die 1. Heimeliwirtin hat damals darüber geschrieben. Danke Agnes.

 

Aus dem Tagebuch von anno dazumal 1939

Alpentladung in Sapün

Von Agnes Engel-Reich, Grabs / Langwies / Heimeli

Eigentlich beginnt sie bei uns schon früh, die Alpentladung. Schon gegen Ende des Sommers spüren wir etwas davon. Nämlich dann, wenn die Gäste, die in unserem Bergdorf und droben auf der Alp ihre Ferien verbrachten, wieder talwärts ziehen. Viele von ihnen sind uns zwar keine «Fremde» mehr, denn schon seit Jahren kommen sie herauf, suchen auch Erholung in unserem Haus, und sind uns so zu lieben Freunden geworden. Wenn dann so eins ums andere, sonnengebräunt, mit vollbepacktem Rucksack oder Koffer wieder von uns Abschied nimmt, dann geht auch jedesmal ein Stücklein Sommer mit!

Mitten aber in unsern Alpenfrieden dringt eines Tages die unselige Kunde vom Krieg. Während hier oben lieblich die Herdenglocken klingen, läuten sie im Tale drunten Sturm. Es ertönt der Ruf an die Grenzen. Auch zu uns herauf dringt dieser Ruf, und holt die Bauern mitten aus ihrer friedlichen Beschäftigung, die Hirten von der Herde weg. Weit droben in der Alp werden die Pferde geholt, denn auch sie müssen einstehen. Willig, so als wüssten sie, dass es um die Heimat geht, lassen sie sich führen. Stumm folgen auch sie dem Rufe des Vaterlandes.

Über alles Geschehen aber, dreht sich das Rad der Zeit. Nur zu bald kommen jene Tage, da das Grün der Alpen immer blasser wird, und mit leisem Weh im Herzen sehen wir die frohe Sommerpracht unaufhaltsam schwinden und vergehen. Immer näher rücken jetzt die Herden, weil sie in den obern Regionen kein Futter mehr finden. So heimelig das traute Gebimmel in der Nähe klingt, es stimmt nicht so froh, ein wehmütiger Klang schwingt mit, der vom nahen Abschiednehmen erzählt!

Da, einer hat den Anfang gemacht, und nun kommen die Bauern einer nach dem andern, und holen zuerst die Kühe heim, um sie noch auf saftige Emdweiden zu treiben, und dann kommt der Tag, da auch das letzte Stücklein Galtvie die Alp verlässt.

Der 26. September grüsst uns mit einem kalten Reif. Merkwürdig still ist es ringsum.

Das frohe Jauchzen und Jodeln ist verstummt. Dort am Lärchenhang, wo gestern noch das weidende Vieh ein liebliches Bild bot, zieht jetzt klagend die Schafherde durch den kalten Reif talwärts, zitternd folgen kleine Lämmer, die nach ihrer Mutter rufen. Schwer fliesst der sonst so muntere Bach durch kahles Gelände. In den Wiesen schaut hin und wieder eine Herbstzeitlose aus zertretener Erde.

Vom Stafel herunter kommt nun die letzte, die Hirtenfamilie. Die Mutter musste dies Jahr mit allem, was ein Alpabzug mit sich bringt, allein fertig werden, denn der Mann und Vater musste ja den Hirtenstab mit dem Wehrkleid vertauschen, den Hirtenstab mit dem Gewehr! Wie sie wohl heute besonders an seine Familie denkt? Denn allein mussten die Buben ja die grosse Herde besorgen, allein schon die Verantwortung tragen, während der Vater für die Heimat geradesteht.

Nun aber freuen sie sich auf die Heimkehr. Der Abschied von der Alp fällt ihnen wohl nicht schwer, denn drunten warten das Dorf, die Kameraden. Sorglos und unbeschwert gehen sie dem Winter entgegen. Schwer bepackt kommt jetzt die Mutter mit dem Kleinsten auf dem Arm den mühseligen Weg herab. Auch sie ist wohl froh, wieder zur Heimstatt zurückzukehren – ganz sorglos wie die Buben kann sie es nicht tun, denn der Winter ist lang und die Zeiten sind schwer!

Einen guten Wunsch schicke ich ihnen nach, während sie dort bei der Fahne meinen Blicken entschwinden. Ein würgendes Weh steigt in meinem Herzen auf, wie ich nun aufblicke zur verlassenen Alp; unendliche Trauer liegt über Matten und Fluren, und breitet sich über die verlassenen Hütten und Ställe. Verriegelt sind Fenster und Türen, erkaltet die Herde. Kein Rauch wird mehr aufsteigen, einen langen Winter wird es dauern, bis neues Leben dort oben herrscht. Nun schleicht die Einsamkeit von Hütte zu Hütte. Leblos und kahl liegen die Matten. – Sie ist sehr müde geworden, die Alp.

 

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